Ein Tag an der serbischen Grenze zu Ungarn

Ein ergreifender Bericht einer jungen Oberpfälzerin die Urlaub nahm und mit ein paar Freunden an die ungarische Grenze fuhr, um dort mit einfachen Mitteln in bewundernswerter Weise den Flüchtlingen zu helfen.

Hallo,
hier mal ein „Kurzbericht“, gerne auch zum weiterleiten, meiner
Kurzreise nach Ungarn bzw. Serbien um die Menschen dort auf ihrer Flucht
zu unterstützen und wie ich den Tag der Angriffe der ungarischen
Grenzer, erlebt habe:

Nach großen Transportschwierigkeiten und Grenzproblemen, konnten wir
Dienstagnacht die Küche wieder zusammenführen. Viele Sachen wie Tische,
Pavillion, große Wassertanks mussten wir leider in Ungarn zurücklassen.
Die Situation vor dem kleinen Grenzübergang war für mich sehr berührend,
es war der erste direkte Kontakt mit den Menschenmassen. Auf der Straße,
dem Gehweg, überall lagen hunderte Menschen, die meisten ohne Decken,
ohne Zelt, ohne Matte, darunter viele Familien. Es gab keine Toiletten,
keine Versorgung, nur Presse und erschöpfte Menschen! Der von uns
geteilte Teil der Küche hatte bereits unter unglaublichen Bedingungen
Essen verteilt und war total erschöpft.

Morgens beschlossen wir ein Gebäude direkt am kleineren Grenzübergang
als Lager zu besetzen und im hinteren umzäunten Bereich zu kochen. Wir
waren noch kein eingespieltes Team, aber durch die Mithilfe von
Flüchtlingen und z.T. einer NGO aus Tschechien, konnten wir dann die
Essensausgabe starten.
Es lief durch die sprachliche Unterstützung sehr geordnet, wir hatten
eine Schlange für Männer, eine für Frauen und Kinder. Mit der
Portionierung kamen wir gar nicht hinterher und innerhalb kürzester Zeit
mussten wir viele Menschen enttäuschen und auf die nächste Ladung in
einer Stunde vertrösten. Ein Drittel des Essens fuhren wir zum
Mütterzelt, das von der tschechischen NGO eingerichtet wurde und
verteilten dort nur an Frauen und Kinder, was auch oft schwer zu
entscheiden war. Wer ist Kind, wer ist schon zu alt. Die Kinder wirken
z.T. schon erwachsen und den Jugendlichen wurde die Kindheit geraubt.
Krasse Gefühle.

Seit dem Morgen hörten wir die Protestrufe auf der hinter uns liegenden
Autobahngrenze zu Ungarn. Dadurch haben wir die Lage falsch eingeschätzt
und dachten, am „ruhigeren“ Brennpunkt zu sein. Auch bei uns gab es
immer wieder Rufe, die Grenze zu öffnen. Aber es lagen auch überall
Kinder, Familen herum und es war, in Anbetracht der verunsichernden
Situation, sehr ruhig.

Als es dann gelang, den Grenzzaun zu öffnen und die Grenze nur noch
durch Bullenketten versperrt war, liefen viele um ihre Verwandten zu
holen, im Glauben, dass die Grenze bald frei ist. Wir haben uns am
Protest beteiligt, was für viele scheinbar erst komisch, aber dann um so
erfreulicher war, dass ein Mensch der überall hingehen kann, solidarisch
mit für die Grenzöffnung kämpft. Es war sehr heiss, wir haben Wasser an
die Demonstranten verteilt, auch um im Falle einer neuen
Pfeffersprayattacke besser den Menschen helfen zu können.
Ein Wasserwerfer wurde aufgefahren und wir versuchten die Menschen davon
abzuhalten, ihre Kinder mit nach vorne zu nehmen. Irgendwann haben sich
dann alle vor der Grenze gesetzt, es war friedlich, hoffnungsvoll. Viele
fragten, wann denn jetzt die Grenze geöffnet wird, es war, obwohl
offensichtlich, unvorstellbar, dass dies nicht passieren wird und machte
mich hilflos, da auch ich mir diese Unmenschlichkeit einfach nicht
vorstellen konnte.

Als der Angriff der Ungarn begann, befand ich mich im hinteren Bereich.
Es gab Explosionen und die Menschen versuchten zu fliehen, sie wurden
aber durch die Zäune links und rechts der Straße und durch die Zelte
behindert. Es gab Panik, ich habe den Küchenbereich geöffnet und die
Menschen flüchteten sich zu uns. Wir öffneten auch den Zaun zur Straße,
der die Menschen an der Flucht hinderte. Dank an Henrys heiliges Tool,
das in der Panik verloren ging, sorry 😉

Weinende, schreiende Menschen, Kleinkinder, weinende Männer mit Kindern
auf dem Arm, Verletzte, es war unbeschreiblich. Wir versuchten, die
Augen auszuspülen, aber irgendwann wurde auch hierfür das Wasser knapp.
Selbst helfende Sanitäter wurden direkt mit Tränengasgranaten
beschossen.

Eine Mutter drückte mir ihren 8/9 jährigen Sohn in die Hand, sie kommt
gleich wieder, sie holt noch den Rest. Kurz nachdem sie um die Ecke
rannte, gab es die nächsten Explosionen und mir ging nur durch den Kopf,
was mach ich, wenn die Mutter nicht mehr wiederkommt. Wir waren
eingehüllt in Tränengas, es brannte wie Hölle, aber der Junge wollte
genau hier warten, wie seine Mutter es ihm gesagt hatte. Irgendwann
kamen zwei Jugendliche gerannt, die den Jungen aus der Gefahrenzone
einfach wegtrugen und, Gott seis gedankt, die Mutter kam kurz darauf aus
der Hölle gerannt. Ihre Augen, die ganze Haut war gerötet, der Vater,
das Kind weinten, aber nicht nur vom Tränengas.

Es gab verzweifelte Angriffe der Flüchtlinge mit Steinen und wir wurden
immer wieder mit Tränengasgranaten beschossen, auch im Küchenbereich,
schlugen Granaten ein.

Wir konnten einen Großteil der Küchenutensilien und die Antifaflaggen
😉 retten, die meisten Lebensmittel bekamen im Laufe des Angriffs
allerdings Füße, selbst die gerade eingeweichten Sojaschnitzel waren
innerhalb kürzester Zeit von den hungrigen Menschen kochenendheiss
verspeist.

Als wir ankamen dachte ich, wie wird das hier nach einem Tag ohne
Toiletten, mit tausenden Menschen werden? Meine Festivalerfahrungen
liesen nichts gutes ahnen, aber die Büsche und die Umgebung, wurden gar
nicht wirklich verschissen, so krass wie sich das jetzt anhört, aber ich
glaube, die Menschen brauchen gar nicht mehr Groß machen, sie haben ja
eh nichts zum verdauen.

Als ich vom Wasserholen, wiederkam, hatte sich die Lage beruhigt.
Serbische Polizisten hatten sich schützend zwischen die ungarischen
Kollegen und die Menschen gestellt. Inzwischen hatte auch eine NGO
begonnen, warmes Essen zu verteilen und die Hilfe vor Ort lief langsam
an.

Ein Teil unserer Truppe musste leider schon wieder zurück nach
Scheißland um das Leihauto, das wir an der ungarischen Grenze
zurückgelassen hatten, wieder heimzubringen.

Es war beeindruckend, wie die Menschen trotz solcher Umstände, ihre
Menschlichkeit, ihren Humor, ihre Würde behalten. Es ist erschreckend,
zu sehen, was „Helfer“ aus Menschen machen, wenn sie unkoordiniert
einfach Hilfsgüter von oben in die Menge werfen.

Die Würde des Menschen ist unantastbar! Es gibt Gesetze, die sollten
überall gelten und da, wo sie angeblich gelten, auch umgesetzt werden!


Fotos und weitere Infos:
Zur aktuellen Situation: https://twitter.com/soliconvoy
Facebook: mastanlagenwiderstand
https://linksunten.indymedia.org/de/node/153266
https://linksunten.indymedia.org/de/node/153221

Kontakt bei Interesse für Mithelfer:
soliconvoy(at)gmx.de

Spendenkonto:
Name: Residenzpflicht abschaffen
GLS Gemeinschaftsbank eG
IBAN: DE 8143 0609 6782 1991 7100
BIC: GENODEM1GLS
Betreff: Budapest


An dieser Stelle noch ein Hinweis auf eine interessante Grafik:

„Diese Grafik zeigt recht gut, welche Flüchtlinge die größte Herausforderung für Europa sind.“  Stefan Albin Sengl, Wien

CO84A7nXAAA0OqQ

Urheber dieser Grafik: https://twitter.com/stefansengl/status/643794861406162945 Hinweis auf die Quellen: https://twitter.com/stefansengl/status/643802823256375296


Weitere Links siehe Fb-Notiz: Flüchtlinge

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